Ein Mord in Kassings Teich

Tagesgespräch - Ein Mord in Kassings Teich (1802)

„Diese A.J. Steinkamp ... um 12 Uhr ermordet in Cassings Teiche gefunden ward.“
Jöllenbecker Verstorbenenregister, 1802 (1)

An einem winterlichen Sonntag, am 12. Dezember 1802, zogen um die Mittagszeit aufmerksame Leute aus dem Löschteich des Hofes Kassing mit einem eisernen Feuerhaken die Leiche einer seit fast drei Tagen vermißten schwangeren Frau, deren Holzschuhe noch auf dem kalten Wasser schwammen.

Im Jahre 1803 – nur wenige Monate vor seinem Tod - formulierte der schreibfreudige 64-jährige Jöllenbecker Pastor und Aufklärer Johann Moritz Schwager (1738-1804) im renomierten Westfälischen Anzeiger ausführlich und anonym die tragischen Umstände des „Mordes“, der sich nur wenige Monate zuvor in der Nähe der Hemmigholter Höfe Kassing und Sewing zugetragen hatte:

„Am 9 ten December [Donnerstag] beschied der Anerbe eines nicht geringen Bauerngutes ein von ihm schwangeren Mädchen Abends in ein Gehölz, um in der Stille mit ihm zu contrahiren, denn das Mädchen behauptet öffentlich von ihm schwanger zu seyn. Die Sache war öffentlich, das Mädchen hatte seine Schwangerschaft bekannt, ihrem Bruder den Vater genannt, und laut erzählt daß der angebliche Schwangerer sie durch ihren Vater, der ihm Vorhalt gethan auf den Abend in das Gehölz bestellt habe ... sie wolle gleich zum Abendessen wiederkommen ... war wohlgemuthet - und kam nicht wieder. Jeder, der es hörte, muthmaßte gleich, was ihr begegnet sey; vom Freytage suchte man sie allenthalben, fand sie nicht, und der muthmaßliche Mörder, durch einen Bauernprocurator [Anwalt] zugestutzt, kam ans Amt, die Familie der Verschollenen anzuklagen. Am Sonntage war dem Amtsführer aufgegeben, sattsame Mannschaft zu sich zu nehmen, um die Verschollene im Gehölze, in Teichen u. Brunnen aufzusuchen und während diese suchten, wo sie nicht war, entdeckten die Leute auf einem benachbarten Hofe, auf dem Teiche schwimmende Holzschuhe ... forschten mit einem Feuerhake ... nach, und zogen das ermordete Mädchen heraus.“ (2)


(2) Pastor Johann Moritz Schwager, 1794 (3) Westfälischer Anzeiger, 1803

Bei der Toten handelte es sich um die am 30. Juli 1771 auf dem Hof Herholt geborene ledige 31-jährige Heuerlingstochter Anna Ilsabein Steinkamp, eine Tochter der armen Heuerleute Johann Heinrich Steinkamp und Margarethe Magdalena Rabe.(3) Zur Zeit des Geschehens wohnte die Familie im Leibzuchtskotten oder Backhaus des Hofes Sewing, dessen sechzig Jahre altes Haupthaus nicht weit östlich des Nachbarhofes Kassing lag. Verheiratet war Bauer Franz Heinrich Sewing mit der vom großen Oberjöllenbecker Hof Upmeier zu Bargholz stammenden Anna Ilsabein, deren Vater zugleich als Vormund ihres Mannes fungierte. (4)

Zum Tod Annas schrieb Pastor Schwager noch eine kleine Randnotiz ins Jöllenbecker Kirchenbuch:

„Diese A.J. Steinkamp war zum zweytenmale, vorgeblich schwanger von dem ... B.H. Bökmann, mit dem sie an dem unglückl. Abend ausging zu sprechen, um 12 Uhr ermordet in Cassings Teiche gefunden ward.“ (5)

Neben den von den Bauern angelegten kleineren Fischteichen existierten wahrscheinlich noch weitere Hofteiche.Bei vielen Teichen handelte es sich um ausgehobene Erdlöcher auf schlechten Ackerflächen oder in wasserreichen Siekbereichen, um abgetrennte Bacharme oder kleine Tümpel, die die Bauern als Viehtränken, zum Flachsröthen, Waschen und Bleichen nutzten.

   
 (4) Haupthaus Kassing (1765), 1917  (5) Haupthaus Sewing (1742) vor 1955

Uneheliche Kinder gab es in Jöllenbeck nur wenige. Doch wollte und konnte der ledige 28-jährige Anerbe Bernd Heinrich Böckmann die Mutter seines Kindes nicht heiraten, da sie eine besitzlose Heuerlingstochter aus der unterbäuerlichen Schicht war. Aus ökonomischer und sozialer Sicht kam sie als Ehefrau nicht infrage. Für den Fortbestand und die Sicherung des Böckmannschen Hofes war die Höhe des Brautschatzes von hoher Bedeutung. Die schon im Mittelalter gegründete Stätte - auf ihrem Grund hatte die Gemeinde im Herbst 1787 die Oberjöllenbecker Nebenschule bauen lassen - lag mit ihren 94 Morgen Wirtschaftsfläche weiter südlich der Oberjöllenbecker Höfe Kassing (92 Morgen) und Sewing (99 Morgen) und zählte zum Grundbesitz des Stiftes St. Marien zu Bielefeld. (6)

Noch um Mitternacht vernahm man im alten Pfarrhaus die wichtigsten Zeugen. Neben Pastor Schwager waren wahrscheinlich noch der Untervogt, der Bauerrichter und der Oberjöllenbecker Vorsteher anwesend. Der erste Verdacht fiel sofort auf den ledigen 28-jährigen Anerben Bernd Heinrich Böckmann, der die Tat aber bestritt und die Leiche nicht wiedererkannte. Im Zuge der anschließenden Durchsuchung des Hauses Böckmann entdeckten die Männer in Böckmanns Bett noch eine feuchte Hose. Böckmann wurde zwar eingesperrt, aber, aus Mangel an eindeutigen Beweisen - wahrscheinlich mit Unterstützung eines Rechtsanwaltes - „nach einiger Zeit“ wieder freigelassen. (7)

Anna Ilsabein Steinkamp fand auf dem alten und überfüllten Jöllenbecker Kirchfriedhof am 14. Dezember 1802 ihr endgültiges Grab. Der noch lange unverheiratete Böckmann heiratete am 31. Januar 1808 im Kirchspiel Dornberg die 26-jährige Bauerstochter Anna Margarethe Elisabeth Scheiker vom Hof Scheiker in der Bauerschaft Großdornberg. Als Anerbe übernahm Böckmann den väterlichen Hof und starb als 63-Jähriger am 21. März 1837 an krampfartigen Leibschmerzen. (8)


Quelle:

(1) Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen, Verstorbenenregister (1797-1819).
(2) Johann Moritz Schwager: Tagesgeschichte. Grafschaft Ravensberg. Ein Mord, in: Westfälischer Anzeiger
(1803), Sp. 55 ff.
(3) Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen, Geburts- und Taufregister(1756-1779) und
Trau- und Sterberegister (1797-1819).
(4) Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen (Münster), Minden-Ravensberg,Regierung, Nr. 1090, Bl. 170.
(5) Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen, Verstorbenenregister (1797-1819).
(6) Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Ostwestfalen (Detmold), M 5 C, Nr. 2649.
(7) Chronik der Gemeinde Jöllenbeck, in: Jöllenbecker Blätter 29 (1976), S. 857.
(8) Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen, Verstorbenenregister (1820-1837) und Trau- und Sterberegister (1797-1819).

Bildnachweis:

(1) Heimatverein Jöllenbeck e.V.; Privatarchiv Kassing.
(2) Allgemeines Magazin für Prediger nach den Bedürfnissen unsrer Zeit, hrsg. von Johann Rudolph Gottlieb
Beyer, 10. Band, 4. Stück, Leipzig 1794.
(3) Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld.
(4) Heimatverein Jöllenbeck e.V.
(5) Ebd.


 

 

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